Installation AEHETTRA

‚Der Raum spricht‘, Dr. Michael Jeismann 

Die Grammatik-Kunst Installation AEHETTRA von Merja Herzog-Hellstén (aus dem Katalog AEHETTRA)

Wie stellen wir uns an? Mit wem legen wir uns an? Worauf wollen wir hinaus? Solche Fragen führen zu einer Grammatik unserer Lebenswelt – mitsamt ihren Regeln und Unregelmäßig­keiten, ihren Ausnahmen –, die dynamisch ist und beweglichen Mustern folgt. Könnten wir in diese Grammatik eintreten wie in einen Wald voller Formen – würden wir uns verirren und nur noch herausfinden wollen? Oder ganz im Gegenteil: Könnten wir Regeln erkennen und Abweichungen identifizieren, die uns den Formenwald wie ein Buch lesen ließen? 

Die formale Soziologie, angefangen bei Georg Simmel, hat es um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert unternommen, Grundzüge einer sozialen Grammatik zu formulieren und Formen gesellschaftlicher Beziehungen zu fixieren, um Muster und Wechselwirkungen sozialen Handelns zu erkennen. Versteht man den Begriff der Grammatik als Universalschlüssel, um Beziehungskonstellationen zu deuten, dann liegt es auf der Hand, mit seiner Hilfe auch scheinbar schwer zugängliche Bereiche der Kunst für den Betrachter aufzuschließen.

Merja Herzog-Hellstén lässt uns mit der Installation „AEHETTRA“ die Struktur abstrakter Formen als etwas Lebendiges begreifen, als etwas, das wächst und sich in eigener Logik in verschiedene Richtungen entwickelt. AEHETTRA ist Schauspiel und Lehrstück abstrakter Formkunst und zugleich Metapher für Sprache. Wer mag, kann hier auch das Sinnbild für literarische Motivketten entdecken, die einen Weg ohne Ziel zeichnen. Es gelingt Merja Herzog-Hellstén, abstrakte Kunst aus ihrem scheinbaren Autismus, aus ihrer Beziehungslosigkeit zu lösen und sie zuallererst als Beziehungskunst, als Sprache, auftreten zu lassen. Ja, Kommunikation ist nicht nur möglich, sie ergibt sich, wie der Betrachter erkennen wird, ganz zwanglos.

AEHETTRA_Pauses und Versatile, 2014, AusstellungsHalle 1A, Frankfurt

AEHETTRA_Versatile und Hybrid, 2014, AusstellungsHalle 1A, Frankfurt

AEHETTRA_Pauses und Islets, 2014, AusstellungsHalle 1A, Frankfurt

AEHETTRA_Hybrid, 2014, AusstellungsHalle 1A, Frankfurt

AEHETTRA_Segment und SkyRide, 2014, AusstellungsHalle1A, Frankfurt

AEHETTRA_Convertible, 2014, AusstellungsHalle 1A, Frankfurt

Merja Herzog-Hellstén hat ihre visuellen Forschungen begonnen mit den ‚BIOGRAMMEN’, die Rhythmus in Form übersetzen. So entstand nach und nach ein Ensemble an Formen. Beim Betrachten dieser Biogramme bemerkte Merja Herzog-Hellstén, dass in ihnen vieles komprimiert ist und noch darauf wartet, zur Entfaltung zu kommen.

Die Künstlerin entschied sich, das Biogramm „Talberg“ zum Ausgangspunkt einer neuen Formenexpeditionen zu nehmen, um die geheime Gram­matik der wachsenden Formen und ihrer Beziehungen untereinander zu er­kunden. Durch Wiederholung und Variation ergreift diese Formensprache, der Herzog-Hellstén den Namen  „AEHETTRA“ gegeben hat, den Raum, füllt ihn aus und definiert ihn neu. Anders aber als die Grammatik der Sprache handelt es sich bei dieser angewandten Formengrammatik nicht um die das Regelwerk einer linearen Lesbarkeit wie bei einer geschriebenen Zeile. Vielmehr entsteht eine multisensorische Surround-Wahrnehmung, so dass der Betrachter sich in der Formenvielfalt bewegen kann und so ihre Ähnlichkeit und ihre Wechselwirkung erfährt. So gibt es schnell oder langsam fließende Linien, geschlossene oder offene, luftige Formen, weiche oder harte. Es kommt zu Gruppenbildungen und zu eigenen Unterhaltungen der Formen untereinander: Der Raum beginnt zu sprechen – und der Zuschauer kann nachsprechen, mitsprechen oder vorsprechen. Das Kunstwerk ist synästhetisch. Das wird vom Betrachter aber nicht als gewollt, als gekünstelt empfunden: Das Formenwachstum ist gleichermaßen logisch wie natürlich. Und diese Unaufdringlichkeit ihrer Kunst und deren synästhetische Qualitäten machen Merja Herzog-Hellstén zu einer idealen Botschafterin zwischen den Welten: Grammatik ist Genetik der Sprache und der Form – und so gelingt es der Künstlerin, die Sinne für die übergreifende Formprinzipien zu wecken und zu schärfen.